© YOGA AKTUELL

Planet Erde: Ort der Sinne und Wahn-Sinne. Ein Übungsfeld, auf dem der ewige Atman (göttliches Selbst), gehüllt in seinen „Terranautenanzug” aus Fleisch und Knochen, durch die fünf Tore der Wahrnehmung hinaustritt in die Welt des Werdens. Er kommt, um zu erfahren, zu schmecken, zu riechen, zu sehen, zu hören und zu berühren. Doch in dieser Berührung liegt eine Gefahr, die älter ist als jede Erinnerung: das Vergessen.

Die Sinne, eigentlich Instrumente der Erfahrung, werden zu Schlingen des Ergriffenwerdens – im Gefallenfinden wird der menschliche Terranaut leicht zum Gefallenen. Was zur vergänglichen Welt des Werdens gehört, wird irrtümlicherweise mit den Eigenschaften des Ewigen behängt. So projiziert der Mensch auf das Fließende die Sehnsucht nach dem Bleibenden und ertrinkt in seinem eigenen Spiegelbild wie Narziss, der nicht wusste, dass er einen Schein umarmte.

Die Griechen nannten es narki – Erstarrung, Betäubung. Der narkotisierte Blick sieht nicht mehr, was ist; er sieht nur noch, was er zu sehen wünscht, und der Algorithmus social-medialer, hyper-personalisierter Bespielung hilft ihm dabei. Dies ist der erste Wahnsinn: nicht das Fehlen von Verstand, sondern sein Missbrauch. Milliarden Menschen sind davon betroffen. Die Sinne vernebeln sich, das Unterscheidungsvermögen schläft, und der Mensch hält das Seil für eine Schlange, die Wüste für einen See – so lehrt es der Vedanta seit Jahrtausenden. Avidya nennen die Weisen Indiens dieses Nicht-Wissen, Maya das Truggewebe, das sich daraus spinnt. Nicht dass die Welt nicht wäre – sie ist. Aber sie ist nicht so, wie der Schlafende sie sehenden Auges träumt.

Doch es gibt auch eine andere, zweite Form des Wahnsinns, die nicht Vertiefung in die Täuschung ist, sondern Durchbruch durch sie hindurch. Shiva, der große Gott hinduistischer Tradition, trägt einen Aspekt namens Unmatta, der Wahnsinnige, der von Sinnen Geratene. Er wandelt auf den Verbrennungsstätten, bestreicht sich mit der Asche der Toten, lacht, wo andere weinen. Die bürgerliche Frömmigkeit erschrickt vor ihm. Und doch ist sein scheinbarer Wahnsinn die höchste Nüchternheit: Er hat erkannt, dass alles, woran das Ego des Menschen sich in seinem Wahn klammert, verbrennt und letztlich zu Asche und Staub wird.

Dieser göttliche Wahnsinn – die theia mania, die auch Platon im Phaidros beschreibt – ist die Ekstase im ursprünglichen Sinne: ein Heraustreten (ek-stasis) aus den Grenzen des kleinen Ich. Was der Welt als Torheit erscheint, ist dem Erwachten die Offenbarung zeitloser Weisheit.

Jenseits dieser beiden Wahnsinnsformen aber liegt ein stiller, raumloser Raum: der „Nir-Wahn”.

Eine Wortschöpfung auf Nirvana – jenen Zustand, wo kein Wind mehr weht. Denn va heißt im Sanskrit „wehen, blasen”, und nir „erlöschen”. Wo der Vata-Sturm der Sinnesflut sich legt, wo die Gedanken nicht mehr wie Herbstlaub durcheinanderwirbeln, dort öffnet sich das Tor zur Windstille.

Der Ayurveda weiß, dass der Wahnsinn eine Störung des Vata-Doshas ist: zu viel Luft, zu viel Bewegung, das Davongetragenwerden in den Wirbel. Der „Nir-Wahn” ist ihre Heilung – nicht durch Unterdrückung des Windes, sondern durch sein bewusstes Zur-Ruhe-Kommen. Es ist das Aufhören des sich immerzu abspulenden „Wähnens” unseres Verstandes, das Ankommen im Wirklichen.

So gibt es einen Wind, der zerstreut – den Vata-Sturm der Sinne, der den Geist verwirrt und uns in die Narkose der Maya treibt –, und einen Wind, der sammelt: den sanften Hauch des Geistes, der als Ruach Elohim über den Wassern schwebt, den feinen Atem, der, bewusst geführt, zur Stille leitet.

Der Pranayama des Yoga ist genau dies: die Beherrschung des Windes, die Transformation des chaotischen Wehens in natürliches, fließendes Atmen, das schließlich in den Zustand des Kevala-Kumbhaka mündet – den spontanen Atemstillstand in der Meditation, wo der innere Wind im himmlischen Kind zur Ruhe kommt.

Und dort, in dieser Windstille, enthüllt sich Nirvana: nicht als Vernichtung, sondern als das Verglühen aller falschen Flammen, so dass nur noch jenes lichtlose Licht bleibt, das keines Brennstoffs mehr bedarf.

Wir leben in einer Zeit, da dieser „Nir-Wahn” kostbarer ist denn je, kostbarer als Gold, Silber und Bitcoin es je sein können. Die im Jahr 2020 angebrochene Luftepoche hat die Winde verstärkt, so dass windige Typen und Kräfte vermehrt erscheinen und für jede Menge Wirbel sorgen. In der Folge werden ganze Gesellschaften durcheinandergewirbelt, dissoziieren, und die Positionen vieler Menschen verhärten sich im gleichen Maße, wie die alten Ordnungen weggeblasen werden. Wer seine Haltegriffe (Sparsha) schwinden fühlt und nicht gelernt hat loszulassen (Asparsha), klammert sich umso verzweifelter an das Morsche. Die Ideologien unserer Tage sind nichts als geronnene Angst.

Und doch: In solchen Schwellenzeiten keimt auch das Gute. Wenn sich Saturn und Neptun ab Mitte Februar 2026 in einer außergewöhnlichen Konjunktion vereinen, kann sich wieder lösen, was adharmisch und hohl geworden ist, und aus der Auflösung kann kristallisieren, was dem Dharma entspricht – ein „Dharma-Reset” sozusagen, der die natürlichen Gleichgewichte in und außerhalb von uns wiederherzustellen vermag.

Doch wer soll diesen Reset tragen, wenn nicht jene, die den „Nir-Wahn” berührt haben?

Der Rückkehrer aus der Stille predigt nicht. Er wirkt durch Gegenwart und gibt Halt durch Verwirklichung – im Gegensatz zu den unzähligen Schwätzern in unserer Welt mit ihren aufgeblasenen Vorstellungen und leeren Versprechungen.

In einer Zeit, in der viele vom Wind des Wahnsinns verweht werden, ist das Anhalten der Bewegungen in der Stille des „Nir-Wahn” der einzige Halt, der wirklich hält, was er verspricht.

Tags : featured
Hinterlasse einen Kommentar