Warum ist Deutschland so zerrissen und tut sich so schwer, seine Identität zu finden? Eine Spurensuche nach der Urwunde in der deutschen Seele, und nach der Kraft, die sie zu heilen vermag
Fühlen wir Deutschland auf den Zahn, so zeigt sich ein krankes Land. Es leidet an einer psychischen Störung, die ich „ger-manisch-depressiv“ nenne, einer bipolaren Störung des Volkskörpers. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, dazwischen kaum Grautöne. Einmal schon wurde die Spaltung sichtbar, als sich das Land in Ost und West teilte, und sie ist in Form der „Brandmauer“ zurückgekehrt, denn was nicht gründlich gekaut, verdaut, integriert und geheilt wird, muss immerzu wiederkehren. Die Voraussetzung für eine bipolare Störung ist der Verlust von Identität.
Was aber ist Identität in Wahrheit? Die Upanishaden antworten klar. Wahre Identität ist keine Eigenschaft, kein Merkmal und keine Zugehörigkeit, sondern reines Sein. Tat tvam asi, lehrt die Chandogya-Upanishad, „Das bist du“. Das Selbst (Atman) ist mit dem Urgrund allen Seins (Brahman) identisch und bleibt durch alle Zustände gleich. Dies bezeugt die Sprache, denn „Identität“ stammt vom lateinischen idem, „derselbe“. Alles andere – der Körper, die Gedanken, die Geschichte, die Nation – ist wandelbar und darum nicht unser wahres Wesen. Neti neti, sagen die Weisen, nicht dies, nicht das.
Wahre Identität muss folglich nicht hergestellt werden, sie ist. Wer sie jedoch zugeschüttet hat, muss sich eine künstliche erschaffen, eine Vorstellung von Identität. Vorstellungen neigen zur Übersteigerung. Und gerne werden sie über Idealisierung zu Ideologien hochstilisiert. Der Vedanta nennt diesen Vorgang Adhyasa, Überlagerung. Wie im Dämmerlicht eine Schlange auf ein Seil projiziert wird, so wird dem vergänglichen Selbstbild die Überhöhung des Absoluten zugesprochen. Eine solche Vorstellung ist ontologisch leer und deshalb energetisch teuer. Sie muss unablässig aufgepumpt werden, mit Größe, Mission und Sendungsbewusstsein. Das ist die manische Phase. Und weil die Wirklichkeit stärker ist als jede Projektion, bricht diese irgendwann unweigerlich zusammen, in Scham, Erstarrung und Schwere. Das ist die depressive Phase. Die Mitte aber, die das Helle sehen könnte, ohne sich aufzublähen, und das Dunkle, ohne darin zu versinken, bleibt unbewohnt. Manie und Depression sind zwei Masken derselben Unwissenheit (Avidya).
Die Zähne des Ich-Machers
Das Werkzeug der falschen Identität heißt im Vedanta Ahamkara, wörtlich der „Ich-Macher“. Er produziert am laufenden Band Identitäten, indem er sich in die Welt „verbeißt“. In was man sich verbeißt, zu dem wird man, und was man wegbeißt, das wird man in der Negativform ebenso. Dies ist das ewige Geheimnis. Im Bisswerkzeug der Zähne speichert sich somit die Ich-Identität des Menschen. Im Klang des Wortes „I-denti-tät“ lassen sich – ganz unwissenschaftlich – das lateinische dens und das Sanskritwort danta herausschmecken, der Zahn. So liegen im selben Wort das Wahre und das Falsche übereinander, die Identität, die man ist, und – als dicker Zahnbelag – die „Denti-tät“, die man sich erbissen hat. Dass die Zähne die härteste Substanz des Körpers sind, härter als Knochen, und als Einzige die Verwesung überdauern, macht sie zum somatischen Archiv des Ich: Der Forensiker liest aus ihnen die bürgerliche Identität, weil sich in ihnen die Ahamkara-Signatur buchstäblich kristallisiert hat.
Die karmische Ernte
Die griechische Mythologie liefert zum Zahn-Wesen ein Bild: Kadmos tötet den Drachen des Ares (Mars) und sät dessen Zähne in die Erde. Was aus den Drachenzähnen aufwächst, sind die Spartoi, die „Gesäten“: bewaffnete Männer, die übereinander herfallen und sich gegenseitig niedermetzeln. Aus gesäten Zähnen wächst Bruderkrieg. Wo (falsche) Identität aus dem Reiß- und Beißprinzip gestiftet wird, ist die Selbstzerfleischung des Kollektivs keine tragische Ausnahme, sondern die karmische Ernte.
Auch der Name der „Ger-manen“ birgt eine solche Waffensignatur. Ger ist das althochdeutsche Wort für den Speer. „Ger-Manen“ wären demnach die Speer-Männer, ein Kollektiv, dessen Identität sich am Bild der Waffe formte. Die Nibelungensage hat diese Signatur in einer einzigen Szene verdichtet. Es ist Hagen von Tronje, der das strahlende Siegfried-Prinzip mit dem Ger durchbohrt, an seiner einzig verwundbaren Stelle zwischen den Schulterblättern, auf der Höhe des Herzens. „Hagen“ verkörpert das kalte, sich in alles „ein-hakende“, und alles Ganze „zer-hackende“ Verstandesprinzip, das nach dem verwundbaren, weil zur Liebe fähigen Herzen zielt. Der Speer-Mann tötet das spirituelle Herz, das als „Sieg-fried“ dem Bewusstsein des Friedens zum Sieg verhilft und damit den Zugang zum spirituellen Schatz des „Rheingolds“ ermöglicht. Verstand (Pik) sticht Herz: Dies ist die Ur-Wunde der ger-manischen Bipolarität, denn ein Kollektiv, das seinen eigenen Herzzugang immer wieder durchbohrt, verliert den Zugang zu seiner innersten Schatzkammer und kann nur noch pendeln zwischen manischem Zustoßen und depressivem Erlahmen.
Und die deutsche Geschichte ist voll von solchen Spartoi-Ernten. Diese Saat geht seit unvorstellbar langer Zeit immer wieder auf, seit den Stammeskriegen der Frühzeit, über Karls Schwerttaufe der Sachsen bis zum Dreißigjährigen Krieg, ehe 1866 die vorerst letzte aufging: der von Bismarck forcierte Bruderkrieg Preußen gegen Österreich, Deutsche gegen Deutsche, als Gründungsopfer der kommenden „Einheit“. Damit biss Otto von Bismarck als „Biss-mark“ der ohnehin labilen Identität der deutschen Lande „bis ins Mark“ und gab ihr den Rest.
Die darauffolgende Einheit wurde nach der berühmten Formel „Eisen und Blut“ erzwungen. Eisen ist das Metall des Kali-Yuga, des eisernen Zeitalters, des Mars, des (Stoß-)Zahns und Speers aus Stahl. Die Reichseinigung von 1871 war eine „Denti-tät“ im Vollsinn, nicht aus dem Mark, dem innersten Wesenskern der deutschen Seelenlande – dem Rheingold – erwachsen, sondern durch drei Kriege von außen zusammengebissen. In der Gründung des Rüstungskonzerns „Rheinmetall“ 1889, mithilfe dessen sich Deutschland heute wieder bis an die Zähne bewaffnet, wurde dann sichtbar, welche Verkehrung der untergegangene spirituelle Schatz des Rheingolds in der deutschen Seele erfahren hatte: Aus spirituellem Gold wurde Eisen. Von dort führt eine gerade Blutlinie über das Zerbrechen von 1918 in die nächste, monströseste Aufblähung 1933–1945, und aus deren Trümmern in die geteilte, bis heute schwelende Betrübnis.
Verstand (Pik) sticht Herz: Dies ist die Ur-Wunde der ger-manischen Bipolarität, denn ein Kollektiv, das seinen eigenen Herzzugang immer wieder durchbohrt, verliert den Zugang zu seiner innersten Schatzkammer und kann nur noch pendeln zwischen manischem Zustoßen und depressivem Erlahmen.
Der innerste Wesenskern der Seelenlande
Was aber geschieht, wenn ein Volk seine künstlichen Identitäten loslässt und mit seinem wirklichen Wesen eins wird? Löst es sich dann auf? Nein, im Gegenteil, erst dann kann wahre Gestalt hervortreten. Der Vedanta nennt die höchste Bestimmung des Menschen Svarupa, wörtlich die „ureigene Form“, die Form des wahren Wesens. Der göttliche Imperativ des Svarupa lautet in eine Formel gefasst: „Ich fließe in die Form, die Gott – als meinem Wesen – entspricht.“ Nicht das Ich konstruiert sich mit Zähnen und Klauen seine Identität, sondern der Mensch lässt wahre Identität auf natürliche Weise geschehen. Er lässt zu, er gibt sich hin, er wird durchlässig, damit die Brahman-Atman-Identität sich durch seine Form in der Schöpfung ausdrücken kann. Das ist der ganze Unterschied. Die falsche Identität wird gemacht, die wahre wird empfangen. Die falsche beißt sich fest, die wahre fließt.
Auch ein Volk hat eine Form, die ihm entspricht. Der innerste Wesenskern der deutschen Seelenlande hat sich immer dann offenbart, wenn Menschen dieser tiefen Sprache durchlässig wurden für das, was durch sie hindurchklingen wollte. Dann zeigte sich das Volk der „Dichter und Denker“ in seinen Mystikern, seinen Dichtern, Komponisten und Philosophen, auch in seinen frühen Naturforschern. Von Hildegard von Bingen und Meister Eckhart über Kepler, Bach, Goethe, Schelling und Hegel bis zu Edith Stein reicht die lange Ahnenreihe derer, die ihre Werke nicht aus dem Ich zusammenbissen, sondern aus dem Erinnern der spirituellen Quelle empfingen. Dieses Deutschland musste nie gegründet, ausgerufen oder mit Eisenzähnen zusammengeschmiedet werden. Es geschah von selbst, wo immer sich ein offenes Herz zur Verfügung stellte.
Der innerste Wesenskern der deutschen Seelenlande hat sich immer dann offenbart, wenn Menschen dieser tiefen Sprache durchlässig wurden für das, was durch sie hindurchklingen wollte.
Das Fernweh der Deutschen
Aus dem Verlust dieser Identität und der Sehnsucht nach Wiedererinnerung erklärt sich auch das Phänomen, warum so viele Deutsche gerne verreisen. Sie sind ein Reisevolk, als läge eine große Sehnsucht in ihnen, andere Länder, Völker und Kulturen aufzusuchen, in denen authentische Identität noch unmittelbarer gelebt und ausgedrückt wird, in Kultur und Gastfreundschaft, in der Selbstverständlichkeit des Daseins. So gesehen ist das deutsche Fernweh ein verkapptes Heimweh. Der Reisende sucht in der Fremde den Wesenskern, den er zu Hause verloren glaubt, und ahnt nicht, dass dieser die ganze Zeit in der Tiefe der eigenen Seelenlande auf seine Enthüllung wartet. So dichtete Goethe in seinem Vierzeiler „Erinnerung“:
„Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.“
Das Sterben der Projektion
Wer also ins „Heile Land“, ins innerste „Geh-heim“ heimkehren und seinen Wesenskern enthüllen will, muss zuvor einen letzten Irrtum auflösen. Denn was trauert in der Depression, und was jauchzt in der Manie? Die Upanishaden sagen, das Wesen tut beides nicht. Der Atman ist Sakshin, der reine Zeuge, unberührt von dem, was er sieht. Die bipolare Kurve durchlebt allein der Ahamkara mit seinem Vorstellungskörper. Das Spiegelbild jubelt dem Spiegelbild zu, und das Spiegelbild beweint das Spiegelbild. Darin liegt der tröstliche Kern der Diagnose. Die Depression eines Kollektivs beweist nicht dessen Verdorbenheit, sondern den Bankrott seiner falschen Identität. Der Patient ist nicht das Volk. Der Patient ist das Narrativ, die Vorstellung, die das Volk sich von sich machte. Ihr Zusammenbruch ist das erste Gesundheitszeichen, denn die „Ent-Täuschung“ ist das Ende einer Täuschung und der Beginn des Erwachens. Es stirbt nur die Projektion.
Vom Zahn zum schöpferischen Werkzeug
Doch wie stirbt eine kollektive Projektion, ohne dass sich ein Volk in ihrem Untergang selbst zerfleischt? Für die Erlösung des Zahns hält die spirituelle Überlieferung Indiens ein heilsames Bild bereit: Ganesha, der elefantenköpfige Gott – wörtlich der „Herr der Scharen“ – ist das Prinzip, das die Vielheit, das Durcheinander der Welt zu einer geordneten Einheit zusammenführt. Seine Einheit ist das Gegenbild zur erzwungenen: Er löscht die Eigenart der Vielen nicht aus, sondern gibt ihnen eine gemeinsame Mitte, wobei jede Stimme ihren Klang behalten darf. Er trägt zudem den Beinamen Ekadanta, der „Einzahnige“. Als der Weise Vyasa das Mahabharata – das große Weisheitsepos der Menschheit – empfing, brauchte er einen Schreiber, der dem gewaltigen Strom der Offenbarung gewachsen war. Ganesha erklärte sich bereit. Und als seine Schreibfeder mitten im Prozess zerbrach, zögerte er nicht, sondern brach sich den eigenen Stoßzahn ab und schrieb mit ihm weiter, damit der heilige Strom nicht unterbrochen würde.
In diesem Bild ist alles enthalten, was über die Heilung der „Denti-tät“ zu sagen ist. Ganesha löst seine dualistische Stoßzahn-Identität auf und stellt sich „einzahnig“ in den Dienst von etwas Größerem, der non-dualen, überbewussten Intuition der göttlichen Gnade, die als heilige Überlieferung durch Vyasa in die Welt strömen will. Der Zahn, aus der Zweiheit gelöst und dem Stoßen entzogen, wird zum kristallinen Weisheitszahn der Offenbarung. Was einst verwundete, dient nun dem heiligen Wort, der Ger wird zum Schreibgriffel. Ganesha vollzieht damit, was die Svarupa-Formel verheißt: Er fließt hingebungsvoll in die Form, die seinem göttlichen Wesen entspricht.
Die Heilung beginnt darum nicht mit einer neuen, besseren Vorstellung von Identität, nicht damit, einen weiteren Zahn zuzulegen, sondern mit dem Loslassen aller Vorstellungen. Im spirituellen Herzen, das im Yoga Anahata heißt – der unangeschlagene Klang – schwingt ein Ton, der keinen Anschlag braucht und deshalb auch keinen Ausschlag kennt. Ein Volk, das diesen Grundton der Souveränität in seinem Herzen wiederfindet, braucht keine Höhenflüge mehr und muss keine Abstürze mehr fürchten. Auf ihm werden alle Grautöne und Zwischentöne, alle Menschlichkeit erst möglich. Wenn dann die Frage kommt, wer wir sind, bleibt jene Antwort, an der kein Zahn mehr etwas zu beißen findet, weil sie kein Prädikat, keine Herkunft und keinen Besitz enthält. Sie kommt unbeirrt aus der Tiefe des Seins und spricht: „Ich bin, der ich bin“, oder auf Bayerisch: „Mia san mia“.





