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Zeitgeschehen

Die Dämonisierung der Natur

„Ach welcher Schmerz! So herrschten wir einst in diesem Königreich. Aber jetzt sehe ich, dass es darin keine Seligkeit geben kann, die mit dem Yoga vergleichbar wäre.“ (Markandeya Purana)

 

Jetzt ist er doch noch gekommen: der dritte Weltkrieg. Er kam wie der Dieb in der Nacht, quasi durch die Hintertür. Dieser bittere Kelch wollte einfach nicht an uns vorübergehen. Schicksal. Als Auslöser fungierte ein einfaches, winzig kleines Virus, das sich auf die Kunst des Unsichtbaren, Durchdringenden versteht. Ein solch schwer zu kontrollierender Gegner entfesselt verständlicherweise abgründige Urängste im Menschen. Dagegen sind wir in den Krieg gezogen und werfen all die uns zur Verfügung stehenden natürlichen und künstlichen „Abwehrkräfte“ als Kriegsmaschinerie an die Front, als Bollwerk gegen den Feind.

„Krieg dem Virus“!, rufen unsere immer orientierungsloser wirkenden Führer fast wie besessen, stürzen sich mit immer extremeren Maßnahmen in die Schlacht gegen die Naturgewalt Virus und propagieren, bzw. phantasieren, lauthals den Endsieg: die Ausrottung des Virus. Wie geistig erblindet muss man sein, um gegen die Natur zu kämpfen, die wir – nur zur Erinnerung –  ja auch selbst sind!? Und – Hand aufs Herz – kann man diesen Krieg jemals gewinnen, ohne sich selbst zu zerstören?

Doch wir führen diesen Krieg, weil wir uns längst nicht mehr als Teil der natürlichen Schöpfung empfinden. Weil wir uns vom allverbundenen, fließenden Gewebe der Natur (Prakrti) und der geheimnisvollen, alldurchdringenden Quelle dahinter (Purusha) abgespalten haben, und darüber eine tendenziell leidvolle und konfliktträchtige Existenz fristen.

Nun, so in etwa wurde es bereits vor tausenden von Jahren in den altindischen Puranas (Schriftsammlungen) für die mühevollen Zeiten der Epoche des sogenannten Kali-Yuga skizziert. Das Kali-Yuga ist, so die Überlieferung, das dunkle Zeitalter der Spaltung und Unwissenheit, aus dessen verhärtetem und sich gegenwärtig noch einmal mit aller Macht aufbäumendem Zustand wir uns langsam herausentwickeln – hoffentlich lichteren Zeiten entgegen. „Unwissenheit“ meint hier aber nicht das von unserem Verstandesdünkel angehäufte Wissen, in dem wir in Teilen unzweifelhaft brillant sind. Unwissenheit meint hier den Verlust des Wissens, wer wir in unserem Wesen wirklich sind.

Das Kali-Yuga wird als eine von Tamas (Dunkelheit) geprägte Zeitepoche beschrieben, in der die Welt in die dichtesten bzw. dunkelsten ihrer Zustände eingeht und der Mensch sich von Moment zu Moment immer wieder neu entscheiden muss, welchem Weg er folgen will: Gibt er sich der Dichtheit und Dunkelheit anheim, wählt er den verführerischen, bequemen Weg, der sich in einem bestimmenden und bedrückenden materialistischen Monismus auslebt, der im Besonderen die einseitig empirische Wahrnehmung der „Realität“ fördert?

Oder gibt er sich dem alternativen und zunächst unbequemeren Weg hin, der vom Willen beseelt ist, durch Aufrichtung und Aufrichtigkeit die Verbindung zur ewigen, lichtvollen Quelle göttlichen Seins (Brahman), trotz widriger Umstände, aufrechtzuerhalten, und fortwährend an der eigenen „Ent-dichtung“ und Befreiung (Moksha) zu arbeiten? Der letztere wäre z.B. der yogische Weg, der, wenn initiatisch aufgefasst, einer Heldenreise gleicht. So ist der yogische Mensch ein Flammenträger, der das Licht des Dharma (universelles Gesetz) unermüdlich in die Welt der Erscheinungen schöpft und die Verbindung zum Feuer des wahren, freien Lebens am Leben erhält.

Ein wesentliches Merkmal des Kali-Yuga ist jedoch der Verlust des Dharma. Die Menschheit versinkt in einen Zustand des Adharma. Die Welt, die Natur ist durch das zerstörerische, trennende Denken und Handeln der Menschen aus dem Gleichgewicht geworfen und der kollektive Schöpfungstraum für viele zum Albtraum geworden.

Die Kräfte der Natur vollziehen unterdessen das, was sie immer tun: Sie streben wieder in den Ausgleich, um – als Ebenbild göttlichen Wirkens und Träumens – Harmonie zu erschaffen, und nehmen den Menschen als Teil der Natur dabei mit. Was sollten sie denn auch sonst tun?

Aber ist es dann weise, mit Kriegsrhetorik und überaus drastischen Mitteln gegen eine „Naturgewalt“ zu kämpfen, und diese zu dämonisieren? Am Ende werden wir ohnehin klein beigeben und lernen müssen, mit dem Virus als Teil der Schöpfung endemisch zu leben.

Warum rufen wir uns da nicht sogleich unsere lichtvollen geistigen Kräfte in Erinnerung und verbinden uns wieder mit dem Prinzip des Dharma, der universellen inneren Ordnung, also dem Bewusstsein, das alles durchdringt, trägt und hält? Wenn wir in das Gewahrsein der Stille gehen und uns von Angst, Wut, Hass, Schmerz und Verzweiflung lösen, lernen wir, den Herzschlag des Dharma wieder zu erspüren, und im Einklang mit der natürlichen Schöpfung zu schwingen. Es braucht hierfür wahrlich nicht viel, und jeder kann im Hier und Jetzt sofort damit anfangen. Dies würde unmittelbar ein Kraftfeld des Friedens und der Gelassenheit erzeugen, weil es den vergessenen Muni in uns erweckt, das heilige und heile Menschenwesen, das jeder Mensch in seinem Innersten in Wirklichkeit ist.

So erwacht im Menschen durch den Muni die „Im-muni-tät“.

Würden gegenwärtig mehr Menschen diesem Weg vertrauen, der der Weg des Herzens ist und nicht des blinden, ängstlichen Verstandesgehorsams, würde sogleich eine Welle natürlicher Heilung die Welt durchströmen und viele Menschen in Herz und Lunge frei aufatmen lassen. Und das Virus Namens „Corona“ (Krone) hätte seine Schuldigkeit getan, indem es den Menschen, die dafür bereit sind, auf metaphysischer Ebene die geistige „Krone“ überreicht, und sie erinnert, fürsorgende Königin bzw. fürsorgender König des eigenen, selbst-bestimmten Lebens zu sein. Mit dem Ziel, das wirkliche Glück, die wirkliche Freiheit und das wirkliche Wohlergehen aller Wesen zu hüten und zu fördern.

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