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Psychoaktive Substanzen und die Freiheit, erfahren zu dürfen

Als mich mein Vater in jungen Jahren beim Kiffen erwischte, weinte er bittere Tränen. Die Befürchtung, sein Sohn könnte auf die schiefe Bahn geraten sein, stimmte ihn sorgenvoll im Gemüt. In der anschließenden Diskussion entgegnete ich frech die Frage, wie ein Drogenmoralist es erklärbar rechtfertigen könne, einerseits Drogenerfahrungen abzulehnen und andererseits in gewissen, nicht steuerbaren Lebensumständen, wie z.B. einer lebensbedrohlichen, schmerzhaften Erkrankung, dankbar auf Drogen zurückzugreifen? Als solche wären beispielsweise Opiate zu nennen, die in medizinischen Behandlungen gerne zur Schmerzbetäubung eingesetzt werden. Zu diesem Zeitpunkt war uns beiden nicht bewusst, dass genau dieses zu seinem Schicksal werden sollte. Viele Jahre später, an einem Abend im April, erlöste ihn der Tod von seinem Krebsleiden. In den letzten Wochen seines Leidens war das aus dem Schlafmohn gewonnene und ihm von den Ärzten verabreichte Morphin zu einem seiner treusten Gefährten geworden. Morphium ist mit dem griechischen Gott Morpheus verbunden, dem Gott der Träume und des Schlafes, der auch als Gott des „einschlafenden Sterbens“ verehrt wurde.

Wenn es um das Thema Pflanzendrogen bzw. psychoaktive Substanzen geht, neigen viele Menschen dazu, mit biederer Moral und vorgefasster Ängstlichkeit jedwede Erkenntnisschau zu unterbinden. Dabei haben unzählige Generationen unserer Vorfahren in allen Teilen der Welt ausgiebige Erfahrungen im Umgang mit bewusstseinserweiternden Pflanzen und Pilzen machen dürfen. Meist in magisch-rituellen, schamanischen oder heilkundlichen Kontexten, die teilweise auch heute noch fortgeführt werden. Indien, das Ursprungsland der yogischen Anschauungen und Systeme, zählt ebenso fest dazu wie zahlreiche von Ureinwohnern bewohnte Regionen Nord- und Südamerikas.

Die in der westlichen Welt erst im 19. Jahrhundert aufkommenden Reglementierungen und Verbote von Pflanzendrogen zeugen vom langsamen Zerfall der Zugänge zu den Ursprüngen unseres Daseins. Der selbstbestimmte Wunsch, vermittels der „Pflanzenhelfer“ den Weg unserer Herkunft und unseres Ursprungs zurückzuverfolgen und über Trance-Erfahrungen im Bewusstsein auszubilden, wurde in die Illegalität gezwungen. Die naturwissenschaftliche, rein rationale Sachbetrachtung der Lebensprozesse auf der Erde muss zwangsneurotisch das Wesenhafte von Pflanzen, Tieren und Menschen ausschließen, um vor der eigenen Methode bestehen zu können. Dabei ist das intime Erfahren eines Pflanzenwesens nichts anderes als das vertraute Zusammensein mit einem guten Freund oder einer guten Freundin, die uns vertrauensvoll für kurze Zeit ihren individuellen, eigenartigen Weg zu den Quellen des Daseins offenbaren und erfahrbar machen.

Im Yoga kennen wir den Begriff des „shaktipat“. Ein Meister oder eine Meisterin öffnet dem Schüler durch eine Geste, einen Blick, durch ein Wort oder eine Berührung für Augenblicke den Weg zu den Quellen und darüber hinaus zum namenlosen All. Die Innenschau der Herkunft der Lebensströme kann in ekstatischen, energiegeladenen Erfahrungen münden. Das gleiche Prinzip kommt zur Wirkung, wenn Menschen mit den psychoaktiven Kräften von Pflanzen und Pilzen arbeiten. Jedes Pflanzenwesen offenbart dabei seinen einzigartigen, seinem Wesen entsprechenden Zugang zur allumfassenden Quelle. Die Pflanze nimmt den Menschen bei der Hand und sagt: „Komm, ich zeige dir den Weg, den ich gekommen bin. Aber sei achtsam! Es kann sein, dass du ihn nicht oder nur bis zu einem bestimmten Punkt gehen kannst, oder dass er dich überfordert. Finde deinen eigenen Weg, jetzt, da du dich wieder erinnert hast, dass es für jeden seinen ureigenen Weg zu der einen Quelle gibt!“

So betrachtet, fließt in jedem Naturwesen der stete Strom göttlichen Daseins. Dieser nicht abreißende Verbindungsstrom ist das Bewusstsein erschaffende Prinzip in unserer Welt. Die Gefahren bestehen allerdings darin, dass die uns so zuteil gewordenen Erfahrungen nicht als Impuls genommen werden, den eigenen Weg zu Quelle zu finden und zu gehen. Manch einer verharrt auf dem Andersweg der Pflanzendroge, bleibt in der Suche verhaftet und mündet im Kokon des Süchtigen. Da fremde Wege die eigenen Zugänge überstülpen, kann es zu Besetzungen kommen, die in Psychosen und Schizophrenie ausgelebt werden müssen. Doch wo ziehen wir die Grenze? Wer hat nicht schon die Erfahrung gemacht, sich allzu sehr an Fremdes anzulehnen? Können nicht auch Religionen sowie politische und wirtschaftliche Ideologien Opiate für uns Menschen sein?

Das Traurige an unserem herrschenden Zeitgeist ist, im Gegensatz zu den Erfahrungsmöglichkeiten unserer Altvorderen, dass wirkliches Erfahren jenseits des Auslebens von Neurosen den staatlichen Kontrollen unterliegt. Der Staat regelt, wer offiziell wo welche Erfahrung machen darf. Er muss es regeln, da er selbstbestimmte, selbstverwirklichte Menschen zur Aufrechterhaltung seiner Funktionen nicht gebrauchen kann. Aber er konstruiert Ausnahmen. So erbarmt er sich scheinbar der unheilbar Kranken, jener, die auszufallen drohen. Da sie ihm nicht mehr nützlich sind, kann er ihnen getrost den Opiatenbecher reichen. Vom körperlichen Gebrechen stark geschwächt, darf sie das Schlafmohnwesen an die Hand nehmen und ihnen den Weg in die schmerzlose Non-Dualität, in das Reich des ewigen Schlafes, weisen. Es ist der Weg zu einer der letzten großen, wirklichen Erfahrungen, jenseits menschlicher Moral.

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